Plakat der

Ich habe mich schon oft gefragt, wie persönlich mein Blog sein darf. Hier lege ich mein Leben öffentlich auf den Präsentierteller und die Leute nehmen sich, was ihnen davon gefällt. Deshalb schreibe ich hauptsächlich über allgemeine Dinge, die mich zwar bewegen, aber keinesfalls zu persönliche Aussagen erlauben. Heute will ich allerdings ein Thema ansprechen, was mich immer noch tagtäglich betrifft und mich teilweise an der Menschheit zweifeln lässt.

„I was asking for an attack“

Vor ein paar Tagen habe ich den Beitrag von Megan Stone gelesen. Megan hat sich dabei über die Leute beschwert, die den (freizügigen) Kleidungsstil von Frauen als einen Hauptgrund für eine Vergewaltigung ansehen.  Die Opfer würden eine Vergewaltigung so erzwingen und sind selbst Schuld daran.

„I was wearing this outfit today to a grocery store when I overheard a woman telling her young daughter who was pointing and laughing that I would get what’s coming to me. I was wearing this outfit today when a woman told a man that it was the wrong kind of attention and that I was asking for someone to get me. I was wearing this outfit today when the same man stared at my body longingly and then agreed with the woman that I was asking for an attack.“

Sie spricht damit etwas an, was sich so oft nach Vergewaltigungen abspielt. Der Vergewaltiger wird von Außenstehenden (teilweise unbewusst) in Schutz genommen. Nach dem Motto, dass immer zwei Schuld sind, soll es auch so bei einer Vergewaltigung sein. Der Rock war zu kurz, der Ausschnitt zu weit, das Make-Up zu offensiv. Das Mädchen hat den Mann verführt, wenn auch ungewollt. Dagegen kann sich doch niemand wehren.

Großbrüstige Blondinen verdienen die Vergewaltigung

Vor zwei Jahren musste ich diese leidvolle Erfahrung selbst machen. Während eines Discobesuchs wurden mir Drogen in mein alkoholfreies (!) Getränk gemischt und ein Kerl, der angeblich nichts von der Aktion wusste, hat es dann ausgenutzt. Ich weiß von dem Vorfall etwas, aber nicht mehr viel und das alles sehr verschwommen. Am Morgen danach habe ich immer noch die Drogen gewirkt. Ich stand völlig neben mir, konnte keine klaren Gedanken fassen und mein Kopf fühlte sich wie nach einer Explosion an. Erst am Abend habe ich realisiert, was vorgefallen war: Ich wurde vergewaltigt.

Ihr solltet meinen, dass genau jetzt der Zeitpunkt gekommen ist, dass die Leute zu einem stehen. Versuchen, euch zu unterstützen. Ich muss euch leider enttäuschen, denn die meisten werden euch entsetzt anschauen und Fragen stellen, die euch verzweifeln lassen: Warum hast du auf dein Getränk nicht aufgepasst? Hattest du wieder Kleid XY mit dem Ausschnitt an? Du weißt schon, dass du mit deinen großen Brüsten eben auch solche Aufmerksamkeit auf dich ziehst? Wie kannst du es ihm verübeln, dass jemand eine großbrüstige Blondine vernaschen will?

In anderen Worten wollten mich die Fragensteller darauf hinweisen, dass ich eine Mitschuld trage. Ich hätte mich zu einem Discobesuch nicht hübsch machen dürfen. Ich hätte nichts trinken sollen, damit niemand mir Drogen zum Spaß untermischen kann. Ich hätte mein Glas die ganze Zeit mit meiner Hand verschließen müssen (was ich übrigens auch tat), dann hätte die Person zumindest alles ein wenig schwerer gehabt. Ich hätte nicht ausgehen dürfen. Ich darf einfach nicht so aussehen, wie ich es tue.

Eine Mitschuld?

Das Schlimmste von all dem: Ich habe es eine lange Zeit geglaubt. Ich habe gedacht, dass es an mir lag. Ich habe gedacht, dass ich eine Mitschuld habe. Ein Mädchen hat mir mal gesagt, dass ich viel zu hübsch sei und es mir deshalb passiert ist. Ich hätte mich am liebsten sofort in einen anderen Körper gesteckt, wenn ich denn nur gekonnt hätte.

Ich habe versucht, mit verschiedenen Phasen dieses Ereignis zu überstehen. Ich bin teilweise exzessiv feiern gegangen, dann gar nicht mehr. Habe mich auf Männer „gestürzt“, danach komplett ignoriert. Ich wusste nie, wie ich mit allem umgehen sollte. Schließlich hatte ich selbst (Mit)Schuld an dem Vorfall und wer sagt, dass es nicht wieder passiert? Einmal ist keinmal.

Aber irgendwann bin ich zum Punkt gekommen, wo ich mich selbst mit diesen Gedanken stoppen musste und die Fragen umgedreht habe. Wieso wollte mir jemand etwas ins Getränk tun? Warum konnte sich der Kerl nicht beherrschen, auch wenn ich Dekolleté gezeigt habe? Wieso sollte ich mir einen Sack anziehen, um meine Brüste zu verstecken und nicht für irgendwelche Personen als Schlampe oder Ähnliches durchzugehen? Wieso sollte ich es jemals akzeptieren, dass mich jemand gegen meinen Willen „vernascht“ hat?

Vergewaltigungsopfer haben so etwas NICHT verdient!

© the guardian

© the guardian

Zwei Jahre hat es gedauert, bis ich zu diesem Punkt gekommen bin. Zwei Jahre aufgrund einer Nacht. Die Zeit hat mich verändert und ich werde mich sicherlich nicht mehr so einfach mit Discos anfreunden können. Aber ich weiß nun, dass ich keine Schuld daran hatte. Selbst wenn ich nackt die Straße runterlaufe, hat niemand das Recht, mich zu bedrängen oder zu vergewaltigen. Niemand hat das Recht, mir vorzuschreiben, was ich mit meiner Körbchengröße anziehen darf und was nicht. Niemand hat jemals wieder das Recht, mich gegen meinen Willen anzufassen.

Megan hat in ihrem Beitrag auch von der Gesellschaft gesprochen mit ihren unzähligen Widersprüchen:

„My body is mine, and I love it. It is the house I live in, with which I will someday create a family, with which I run and dance and hold the strong lungs I use to sing. I refuse to be ashamed of it for any reason, especially the reason being that this culture which glorifies sex, but punishes those who have it, a culture that encourages being sexy and then preaches that sexy girls ask to be attacked.“

Nehmt euch das zu herzen. Denn selbst wenn ihr die Person nicht vergewaltigt habt, straft ihr sie mit euren Beschuldigungen noch weiter ab. Kein Vergewaltigungsopfer hat Schuld. Keins! Und jeder, der nur ansatzweise denkt, dass jemand eine Vergewaltigung will, sollte sich schleunigst mit dem Thema befassen und sehen, was er seinem Umfeld damit antut.

Ich bin nun so weit, dass ich das Thema hinter mir lassen kann. Es wird mich zwar verfolgen, aber es bestimmt nicht mehr mein Leben. Jedem, der solche Erfahrungen gemacht hat, wünsche ich genug Kraft. Es dauert lange, bis ihr die Realität akzeptieren könnt. Aber es wird passieren und die eine Nacht wird irgendwann nur noch eine einzige Nacht in eurem Leben bleiben.

Source: anormaldisaster.de

 

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