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Ich habe mich an meinem Geburtstag noch gewundert, warum er sich nicht gemeldet hat. Das sah ihm gar nicht ähnlich. Auch die zwei Tage danach gab es keine Reaktion. Wie wütend ich war! Na klar, wir waren nicht mehr zusammen und ich hatte auch nicht das Recht, eine Gratulation von ihm einzufordern; allerdings standen wir weiterhin in Kontakt und nach den Jahren konnte er doch nicht einfach meinen Geburtstag vergessen. Das tat er auch nicht. Er starb an meinem Geburtstag.

Ich habe mich von dieser ersten (wirklich) großen Liebe ein Jahr zuvor getrennt. Wenn ich auf die Zeit zurückblicke, war ich einfach zu jung, um wertzuschätzen, was ich mit ihm hatte. Ich hatte meine Plätze für mein Auslandsstudium in Dublin und Miami sicher und habe unserer Beziehung nicht genug Vertrauen entgegengebracht. Ich dachte, sie zerbricht an der Entfernung. Die Zeit verging und ich wünschte mir insgeheim – auch wenn ich mir das nie zu der Zeit hätte eingestehen wollen –, dass ich nach meinem Auslandsjahr wieder auf ihn treffe, wir all den Kauderwelsch hinter uns lassen und erneut zusammenkommen. Denn ich habe ihn immer noch geliebt. Ob ich seine Liebe erneut verdient hätte, ist eine andere Sache. Allerdings kam etwas dazwischen: der Krebs.

Als er mir das geschrieben hat, fiel ich aus allen Wolken. Bis dahin hatte ich keine Berührung mit dem Tod, nicht einmal aus meinem Bekanntenkreis. Dass jemand so eine schreckliche Diagnose mit 22 gestellt bekommt, war für mich ein riesiger Schock. Auch war der Krebs derart weit fortgeschritten, dass die Ärzte ihm noch ein paar Jahre zum Leben gaben.

Seitdem hatten wir in unregelmäßigen Abständen wieder Kontakt. Er hat mir über die Fortschritte geschrieben und mir auch für die Trennung „verziehen“. Wir wollten uns sogar noch treffen, um einfach alles von der Seele zu quasseln. Bloß die eine Therapie wollte er noch hinter sich bringen, die ihm so viel Hoffnung gab. Doch zu diesem Gespräch kam es nicht. Er hat das dortige Krankenhaus nie verlassen, meine letzten Worte zu ihm waren: „So, ich beschwöre jetzt noch die Erfolgs- und Glücksgötter und dann klappt das alles wie am Schnürchen!“. Im Nachhinein sehr makaber.

Die Beerdigung meines Ex-Freunds, an dem ich ohne Frage noch hing, war meine erste, die ich erlebt habe. Monatelang war ich ein vollkommenes Wrack. Ich konnte die Bilder der Beerdigung nicht vergessen, nicht die unserer gemeinsamen Zeit, nicht die Hoffnungen, die wir beide für unsere Zukunft hatten. Als „Der Hobbit“ in den Kinos anlief, weinte ich fast den ganzen Film durch. Er war ein riesiger Herr der Ringe-Fan und wollte diesen Film unbedingt sehen. Ich wünschte mir, dass er alle drei Filme miterlebt. Er konnte aber nicht einmal den ersten sehen.

Der Moment der Realisierung.

Der Moment der Realisierung.

Ab meinem Geburtstag war ich somit emotional sehr instabil und habe versucht, irgendwie über den Tod hinwegzukommen. Mit sehr vielen Menschen habe ich zu der Zeit geredet und sie haben versucht, mir Trost zu schenken. Dennoch gibt es etliche Dinge, die zwar gut gemeint sind, aber der trauernden Person nicht helfen bzw. das Gegenteil heraufbeschwören. Deswegen habe ich mich entschlossen, einige Dinge hier aufzulisten, um diese wichtige Thematik in den Vordergrund zu stellen. Natürlich ist das alles rein subjektiv, aber ich habe mit anderen Personen gesprochen, die eine ähnliche Situation mitgemacht haben und es zumindest ähnlich sehen.

Aussage 1: Es wird alles wieder gut.

Der Klassiker. Egal, ob nach einer Trennung oder eben nach dem Tod eines Angehörigen. Immer bekommt man zu hören, dass alles wieder gut wird. Ja, vielleicht sogar besser. Aber das stimmt so überhaupt nicht. Es wird alles anders, nicht unbedingt gut. Ihr lebt mit dieser Erfahrung, sie wird euch prägen, was soll sich daran in Zukunft ändern und gut sein? Natürlich gibt es einen Zeitpunkt, ab dem ihr positiver auf alles zurückblicken und das Lebenskapitel abschließen könnt. Nur wenn man dafür bereits ist, kann man neue Wege gehen. Keine Frage, die können auch gut sein, aber einem Häufchen Elend immer wieder auf die Ferne zu verweisen und zu sagen, dass es irgendwann besser wird, wenn es erst einmal dort ankommt, lässt das Elend einen Schritt zurückgehen. Denn das Elend will die alte Zeit zurück und fürchtet sich davor, was die Zukunft bringt.

Aussage 2: Er hätte nicht gewollt, dich so leiden zu sehen.

Nachdem ich zwei Jahre später weinend aus einem Club gerannt bin und einer Freundin erzählt habe, dass ich all das nicht vergessen kann und ihn immer noch vermisse, hat sie mich angeschaut und mich gefragt, ob er denn jemals gewollt hätte, mich so leiden zu sehen. Natürlich nicht, so eine Person war er nie. Er hätte mich eher geschüttelt und gesagt, dass ich endlich nach vorne blicken soll. Dass ich diese Gefühle nicht verdient habe. Aber wisst ihr was? Egal, ob man es weiß oder nicht, man kann seine Emotionen nicht verdrängen, weil jemand es vielleicht nicht gewollt hätte. Schlimmer noch, damit werden wiederum Schuldgefühle aufgebaut und diese Gefühle in sich hineinzufressen, ist weitaus fataler.

Aussage 3: Es war nicht deine Schuld.

Ich kann mir vorstellen, dass man sich bei fast jedem Tod irgendwie die Schuld gibt bzw. geben könnte. Für mich war es so, dass er während unserer Beziehung schon ständig Magenschmerzen hatte. Er hat sogar irgendwann weniger gegessen als ich und das war für mich ein Indiz, das etwas nicht richtig läuft. Ich habe ihn immer wieder bewogen, zum Arzt zu gehen. Erst nach etlichen Gesprächen hat er das getan. Der damalige Mediziner hat leider das Problem nicht erkannt, aber das wusste keiner zu dem Zeitpunkt. Nach der richtigen Diagnose und vor allem seinem Tod hatte ich große Gewissensbisse. Wäre seine Krankheit schon knapp ein Jahr im Voraus festgestellt wurden, hätte er weitaus bessere Aussichten gehabt. Wäre vielleicht gar nicht gestorben! Und diese Schuldgefühle lassen sich nicht einfach mit einem „Das war nicht deine Schuld!“ abschütteln. Diese Emotionen sind vielleicht irrational – und man weiß das meistens auch – , aber sie sind trotzdem vorhanden.

Aussage 4: Der Tod gehört zum Leben.

Auch ein schönes Statement: „Der Tod gehört halt zum Leben, das musst du akzeptieren!“ Natürlich akzeptiere ich den Fakt, dass der Tod zum Leben dazugehört, eben genauso wie die Geburt. Bloß kann ich nicht mit dem Finger schnipsen und all die Trauer ist vorbei. Der Tod ist trotz allem ein großer Einschnitt in das Leben der Angehörigen und es ist daher auch egal, ob er dazugehört oder nicht. Niemand kann sich darauf vorbereiten – vor allem nicht, wenn jemand so Junges stirbt.

Aussage 5: Lebe jetzt dein Leben./Lass los!

„Du musst dich jetzt auf dein Leben konzentrierten und darfst nicht mehr in der Vergangenheit leben. Du musst los lassen, um wieder glücklich zu werden.“ Natürlich werdet ihr irgendwann nicht mehr 24/7 trauern, aber der Verstorbene bleibt immer in euren Gedanken. Und wenn ihr noch nicht mit der Trauer abgeschlossen habt, könnt ihr ohnehin nicht loslassen. Außerdem habe ich in der Zeit gelernt, dass ich vor allem durch bestimmte Momente oder Zeiten wieder massiv getrauert habe. Sei es der Todestag bzw. mein Geburtstag, sein ehemaliger Geburtstag, Weihnachten oder der Trennungstag. Ich musste erst einmal erkennen, dass ich dadurch nicht verrückt war, sondern genau diese Momente mit ihm verknüpft habe. Daher einfach loszulassen, ist (meist) keine Option, denn es kommt wieder ein Zeitpunkt, wo die Trauer einen überwältigt.

Was sollt ihr dann machen?

Mir hat es geholfen, wenn ich einfach reden und meine Ängste, Wut, Trauer und Schuldgefühle jemanden mitteilen konnte. Ohne irgendwelche Zwischenfragen oder Tipps, die angeblich helfen. Nicht alles, was ich gemacht habe, wird anderen Personen helfen und umgekehrt. Es gibt sicherlich Leute, denen der Tod nicht sofort den Boden unter den Füßen wegreißt und die besser damit umgehen können. Aber signalisiert der trauernden Person, dass sie nicht verrückt ist, selbst nach Jahren noch an dem Tod massiv zu knabbern. Für die Person ist ein wichtiger Bestandteil des Lebens gestorben und es ist vollkommen normal, dass man viel Zeit fürs Trauern benötigen kann.

Für mich war es die einzige Hilfe, professionelle Unterstützung zu suchen und zu versuchen, mich von den negativen Emotionen zu distanzieren. Ich habe es auch geschafft und kann zum ersten Mal nach langer Zeit sagen, dass ich zufrieden und entspannt bin. Ich suche niemanden, der genauso ist, wie er war oder in seine Fußstapfen steigen soll. Dagegen weiß ich, wie es sich anfühlt, mit jemanden eine liebevolle und innige Beziehung geführt zu haben. Er hat natürlich Maßstäbe gesetzt, aber ich sehe diese nun eher als Puzzleteilchen eines bereits vollständigen Puzzles. Nun habe ich das gepuzzelte Bild aufgehängt und lächle es beim Vorbeigehen an. Aber die Zeit ist gekommen, einen neuen Puzzlekarton zu öffnen und zu schauen, wer irgendwann an meiner Seite ist, um mit mir ein neues Bild zu vollenden – oder es mit mir gemeinsam für immer zu puzzeln.

Source: anormaldisaster.de

 

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