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Tinder – eine App, die für Kontroverse sorgt. Manche sehen sie als DIE Sex-App an, mit der sich Leute treffen, um ein kleines Schläferstündchen abzuhalten. Andere meinen, dass Tinder die oberflächlichste Dating-Form sei, bei der sich verliebte Selbstdarsteller präsentieren. Für mich war meine Tinder-Zeit ein ereignisreiches Erlebnis, im positiven sowie negativen Sinne.

Das Wischen als Spiel

Im letzten Semester habe ich mit ein paar Kommilitonen im Rahmen eines Seminars ein eigenes Tinder-Projekt gestartet, weil mich die Thematik derart interessiert hat. Wir haben die App nach den Nutzungsmotiven hin untersucht, schließlich wusste ich auch nicht genau, was mich genau an der App so sehr fasziniert.

Nope, nope, nope © huffingtonpost.com

Nope, nope, nope © huffingtonpost.com

Ich sehe ein Bild von einem Mann, und wenn er mir auf dem ersten Blick gefällt, tippe ich kurz auf sein Profil, um ein paar Infos von ihm zu lesen und mehr Fotos zu begutachten. Dann entscheide ich spontan, ob mir das Gesamtpaket gefällt oder nicht. In den meisten Fällen habe ich nach links gewischt, also abgelehnt. Warum? Weil ich so verdammt wählerisch sein konnte und dabei kein schlechtes Gewissen mitspielte.

Das ist schrecklich oberflächlich, macht aber arg viel Spaß. Ich war immer gespannt, wer als Nächstes erscheint, was er – wenn überhaupt – über sich sagt , oder ob wieder ein totaler Spinner auf der Bildfläche erscheint. Damit meine ich oberkörperfreie Muskelpakete, Nerds, die mit Haustieren posieren oder Partytypen mit ihrer riesigen (Assi-)Clique.

Die beste Reaktion auf schwachsinnige Profile. © dreamwastedonyou.tumblr.com

Die beste Reaktion auf schwachsinnige Profile. © dreamwastedonyou.tumblr.com

Mir hat dieser Teil weitaus mehr Spaß bereitet als das Chatten. Natürlich ist auch diese klitzekleine Freude nicht zu verachten, dass ich trotz meiner kritischen Art eine recht gute Match-Quote hatte. Heißt, dass der Mann mich ebenfalls gut fand und wir so in der Lage waren, zu chatten. In unserem Projekt haben wir genau das auch herausgefunden: Tinder wird als eine Unterhaltungsform angesehen, nicht aber als Plattform für Sex- oder Beziehungssuchende.

Du machst was mit Videospielen? So cool!

Das Chatten hat mich ich fix gelangweilt. Die meisten Tinder-Kerle besitzen anscheinend kaum Kreativität und haben mich meistens immer gleich angeschrieben: „Hey (Sandra), du bist also Videospielredakteurin? Krass, erzähl mal!“ Ich hätte am liebsten schon einen Copy-Paste-Text geschrieben, denn danach wurden weitere Standardfragen gestellt: Was studiere ich, woher komme ich, wie gefällt mir Stuttgart, warum bin ich Single und was mache ich gerade so? Schrecklich originell.

Begeisterung pur. © Gifsec.com

Begeisterung pur. © Gifsec.com

Da haben die Typen mehr Eindruck hinterlassen, die ein wenig mehr Kreativität bewiesen – oder einfach direkt nach einem Treffen gefragt haben. Übrigens datet ihr in Tinder nicht, das wäre fatal! Das habe ich gelernt, nachdem ich jemanden nach einem Date gefragt habe. Hier trefft ihr euch nur, hängt ab. Bloß nicht binden und bitte nicht sagen, dass ihr Interesse habt. Lieber so unverbindlich wie möglich bleiben und wenn es unbedingt ein Kompliment geben soll, bleibt dabei so oberflächlich wie möglich und lehnt euch nicht zu weit aus dem Fenster.

Keine Dates, sondern nur „kumpelhaft“ ein bisschen rumschäkern

Als ich mich mit ein paar Kerlen letztendlich auf ein Treffen eingelassen habe, fühlte ich mich schon ein wenig verarscht. Kurz davor habe ich einen Sex and the City-Marathon hingelegt und weiß, wie klassische Dates – sorry, ich meine natürlich Treffen – aussehen.

Carry hätte ihren Ohren wohl nicht getraut, wenn ihr jemand den Unterschied von Tinder-Treffen und Dates erklärt hätte. © giphy.com

Carry hätte ihren Ohren wohl nicht getraut, wenn ihr jemand den Unterschied zwischen Tinder-Treffen und Dates erklärt hätte. © giphy.com

Findet ihr euch aber mit einem Tinder-Typen in der Stadt wieder, läuft alles schrecklich kumpelhaft ab. Ihr sitzt in Bars und quatscht unverbindlich übers Leben oder trinkt einen Cocktail. Natürlich wird getrennt bezahlt, was keinesfalls schlimm ist. Bloß finde ich es schon fragwürdig, eine Studentin in einen Nobelschuppen auszuführen, nach einem getrunkenen Cocktail darauf zu beharren, dass sie noch einen weiteren trinken soll, ihr dann die Rechnung hinzuhalten und zu sagen: „Hier, bezahl deinen Anteil.“

Aber ich lerne nie aus und weiß zumindest jetzt, dass ich von Anfang an klarstellen muss, dass ich mir nicht unbedingt einen 20€ Cocktail leisten kann und will. Vielleicht checken dann diese bestimmten Leute, dass sie mit mir in andere Bars ziehen sollten, wo ich problemlos meinen Anteil bezahlen kann – und das auch will, schließlich möchte ich die Bengel geldtechnisch nicht ausnehmen.

Tina Fey weiß Bescheid. © blog.getvee.com

Tina Fey weiß Bescheid. © blog.getvee.com

Gut, was soll‘s, wir sind auch nicht in New York, sondern in Stuttgart! Allerdings stört es mich gewaltig, dass die meisten Leute die typische Tinder-Oberflächlichkeit im wahren Leben nicht ablegen können. Ich setze mich gern mit der Person auseinander, die vor mir sitzt, und rede mit ihr stundenlang. Schließlich habe ich meistens nach rechts gewischt, weil die Person etwas Interessantes an sich hatte und nicht nur gut aussah. Wenn mir keinesfalls eine gewisse Neugierde an meiner Person entgegengebracht und mir nur klargemacht wird, was für einen tollen Fang ich mit ihm gemacht habe, kann ich gut darauf verzichten. Wenn ich mich so zurückerinnere, hatte ich im Club mit ein paar alkoholischen Getränken schon weitaus interessantere und tiefgründige Gespräche als jemals bei einem Tinder-Date.

Für mich bleibt Tinder daher ein Spaß für zwischendurch. Allerdings habe ich das Interesse am Tinder-Dating komplett verloren. Zu groß ist der zeitliche und geldliche Aufwand und mit meinen Ressourcen kann ich weitaus Wertvolleres anstellen, als mich auf ein Treffen mit einem x-beliebigen Typen einzulassen.

Update: Tinder Studie
Ich habe einige Anfragen zu der genannten Tinder-Studie erhalten. Hier gibt es nun die Übersicht:

Welche Nutzungsmotive haben User in Bezug auf die Datin-App? Eine Studie der Universität Hohenheim.

Welche Nutzungsmotive haben User in Bezug auf die Datin-App? Eine Studie der Universität Hohenheim.

Source: anormaldisaster.de

 

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