Germany’s Next Topmodel geht in die zehnte Runde. © ProSieben

So langsam weiß ich wieder, warum ich mir seit fünf Jahren Heidi Klums „Germany’s Next Topmodel“ nicht mehr angesehen habe. Ein paar Kommilitoninnen haben mich zu einem Rudelschauen der diesjährigen ersten Folge eingeladen und da dachte ich mir: „Was soll’s? Schau‘ dir die Sendung einfach mal wieder an.“ Seitdem habe ich bisher fast alle Folgen gesehen.

Das ist für mich eine kleine Revolution, denn ich habe vor fünf Jahren einfach das Interesse verloren, dürre Knochenfiguren anzustarren, die unbeholfen über den Laufsteg watscheln oder miserabel „sexy“ mit offenen Mündern und leeren Blicken in die Kamera schauen. Mit der 10. Jubiläumsstaffel sollte aber alles anders werden und deswegen habe ich die Show auch mal wieder eingeschaltet. Hätte ich auch gleich bleiben lassen können.

Reife und außergewöhnliche Mädels werden sofort gekickt

Das wäre mal was: Die Mädels aus Germany’s Next Topmodel sind mal nicht austauschbar. Man kann sie voneinander unterscheiden, sehen nicht alle wie kleine Barbiepüppchen aus und sind geistig schon so reif, dass sie Wut und Ärger nicht vor einer Kamera herauslassen. Schließlich weiß jeder, dass sich darauf ProSiebens Redakteure stürzen.

Pari (rechts) verlor gegen Erica (Mitte). Für mich vollkommen unverständnlich. © ProSieben

Pari (rechts) verlor gegen Erica (Mitte). Für mich vollkommen unverständlich. © ProSieben

Aber nein, der guten Heidi Klum ist ja auch der Charakter wichtig. Nicht nur die Modelqualitäten sind entscheidend, wie es bei der Sendung eigentlich sein sollte – nein, auch der Charakter fließt in die Entscheidung ein. Das zeigt deutlich, wie krass sich die Bewerberinnen inszenieren (lassen) müssen, um aufzufallen und ein bisschen Sendezeit für sich zu beanspruchen. Hauptsache wahrgenommen werden, das war schon immer das Motto von einigen Kandidatinnen.

Aber ich dachte, dass sich die Zuschauer nach einiger Zeit daran sattsehen. Leute wissen doch, dass so etwas nur gestellt ist und die meisten Kandidatinnen ihren wahren Charakter ohnehin nicht vor der Kamera zeigen. Aber nein, daran ändert sich wohl nie was. Sonst könnte ich mir beispielsweise nicht erklären, warum mehr-Schnauze-als-Verstand-Erica weiterkommt und den Platz einer Pari einnimmt, die mit ihren 25 Jahren und einer berührenden Geschichte weitaus mehr Tiefe in Germany’s Next Topmodel gebracht hätte. Es geht hier leider nur zweitrangig ums Modeln, die „Charaktere“ der Kandidaten stehen im Vordergrund. Was das bedeutet? Zickenalarm.

Haare abschneiden, aber behalte immer die gleiche Ausstrahlung!

Auch ein völliges Unverständnis meinerseits ist das sogenannte Umstyling. Einige Mädels mussten sich von ihren Haaren trennen bzw. bekommen eine neue Farbe in ihre Mähne geklatscht. Jep, das ist ungefähr so neu wie Dieter Bohlen bei DSDS. Aber trotzdem waren die Mädels wieder so verdammt schockiert. Damit können sie ja auch wirklich nicht rechnen bei Germany’s Next Topmodel.

Das ist ja auch schon echt schlimm, wenn die Haare fallen... © ProSieben

Das ist ja auch schon echt schlimm, wenn die Haare fallen… © ProSieben

Genau hier holen die Redakteure jedes Fünkchen Drama aus der Show. Dramatische Musikuntermalungen, minutenlang die Kamera auf ein völlig aufgelöstes Mädchen halten, das harmlose Stufen in die Haare bekommt, und natürlich ein aufbrausendes Mädchen – in dieser Staffel Erica –, die alles und jeden verteufelt. Im Hintergrund säuselt Heidi Klum noch, dass die Veränderungen zum Modebusiness gehören, aber sagt auch gleichzeitig, dass die Mädels ihre Ausstrahlung beibehalten sollen und natürlich einen Wiederkennungswert haben müssen.

Moment, widerspricht sich das nicht? Alleinstellungsmerkmale summieren sich doch zu einem Wiedererkennungswert. Dazu gehört auch ein typisches Aussehen, was den Typ ausmacht. Bei dauernd anderen Farben oder Haarlängen sinkt eher die Chance, dass die Leute das Model wiedererkennen. Ausnahmen bestätigen die Regeln, allerdings sind bestimmte Frisuren auch ein Markenzeichen. Wer könnte sich Miranda Kerr noch ohne ihre lange Mähne vorstellen? Oder Halle Berry ohne ihre Kurzhaarfrisur? Natürlich gehören Veränderungen zum Geschäft, aber eine Typveränderung nach der anderen hinzulegen, ist meiner Meinung nach die falsche Methode.

Ganz Deutschland schaut zu – mach dich also nackig

Sex sells, das Motto ist bekannt. Allerdings finde ich es schon erstaunlich, wie sich die Kandidatinnen beim Umstylen so aus der Ruhe bringen lassen und im nächsten Moment ohne mit der Wimper zu zucken nackt vor der Kamera stehen.

Je oller, desto doller - das gilt nicht nur für die Show, die in die Jahre gekommen ist, sondern auch für Heidi Klum. © ProSieben

Je oller, desto doller – das gilt nicht nur für die Show, sondern auch für Heidi Klum. © ProSieben

Natürlich nicht ganz nackt, schließlich verdecken sie ihre winzigen Brüste hilfsbedürftig mit ihren Armen. Aber wie selbstverständlich das abläuft, ist für mich ein wenig befremdlich. Überall sind Kameras und die minderjährigen Mädels, die das eigentlich noch nie in ihrem Leben gemacht haben (sollten), rekeln sich halb nackt vor einem sehr großen TV-Publikum. Ohne Scheu oder irgendwelchen Hemmungen.

Bin ich eventuell schon zu alt und zu Prüde, um das zu verstehen? Ich meine, dass in den ersten Staffeln von Germany’s Next Topmodel die Kandidatinnen weitaus mehr Scham davor hatten und jetzt schmeißen sie ihre Klamotten selbstverständlich weg, als ob das alltäglich wäre. Aber sie machen dafür im Vorfeld ein Drama, wenn sie lila Haare bekommen. Völlig unverständlich.

Oberflächlich war Germany’s Next Topmodel schon immer, aber für mich hat dieser zehnte Castingmarathon seinen Tiefpunkt erreicht. Die Leute wirken flach und die Redakteure inszenieren die Kandidatinnen nur noch als streitlustige Hühner mit null Charakterstärke. Mir tun die Kandidatinnen leid, die so jung sind und mit so viel Hoffnung an der Show teilnehmen und dann zum Depp der Nation gemacht werden. Mein Fazit steht fest: Ich werde mir Germany’s Next Topmodel nicht mehr anschauen. So viel inszenierter Blödsinn reicht mir erneut für die nächsten fünf Jahre aus.

Source: anormaldisaster.de

 

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